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Jürgen Becker„Konrad Beikircher war der wahre Rheinländer“

5 min
Ein Mann lächelt in die Kamera.

Konrad Beikircher im Dezember 2025 auf seinem Hof in Bonn.

Jürgen Becker blickt auf das Leben seines langjährigen Freundes und Kollegen zurück.

Als Konrad Beikircher mir erzählte, dass er sich dieses Jahr im Dezember von der Bühne verabschieden will, habe ich mir sofort Karten für die letzte geplante Vorstellung im Senftöpfchen besorgt. Der große Abgang blieb ihm nicht vergönnt. Konrad Beikircher ist am Dienstag im Alter von 80 Jahren gestorben. Und ich bin sehr traurig darüber.

Wir waren befreundete Kollegen, viele Jahre lang. Er war häufig bei den Mitternachtsspitzen zu Gast, wenn er einen Preis bekommen hat, bin ich hingegangen. Und wir waren beim selben Management unter Vertrag. Ich habe ihn sehr gemocht, weil er immer freundlich, immer interessiert und immer sehr wertschätzend war. Für mich war Konrad Beikircher der Erfinder des Rheinlands. Er hat der Region eine Identität gegeben. Köln hatte die schon immer, das ist klar. Aber dass das Gebiet rund um Bonn und Siegburg, Troisdorf, Düren, Gummersbach, hinauf bis nach Düsseldorf, einen eigenen Ton, eine eigene Logik, eine eigene Mentalität hat, das hat er uns, als gebürtiger Italiener, gezeigt. Er hat den Kosmos Köln erweitert und daraus ein Universum gemacht. Das rheinische Universum, so hat er es selbst genannt.

Einer wie Hanns Dieter Hüsch oder Jürgen von Manger

Konrad Beikircher hat das als Zugereister erkannt, denn er ist in Südtirol aufgewachsen. Als zunächst Außenstehender hatte er einen unverstellten Blick auf die Angewohnheiten, die einem nicht mehr auffallen, wenn man hier geboren ist. Ein Fisch kann auch nicht erklären, wie das Wasser ist. Er steht damit in einer Reihe mit Hanns Dieter Hüsch, der den Niederrhein charakterisiert hat, oder Jürgen von Manger, der als Adolf Tegtmeier den Menschen im Ruhrgebiet eine Identität gegeben hat. Konrad Beikircher hat das Rheinland aufs Podest gehoben. Er ist überall in Deutschland aufgetreten, überall kannte man ihn, und er hat das Rheinland beliebt gemacht – was Adenauer als Politiker geschafft haben mag, hat er als Künstler geschafft. Botschafter wäre das richtige Wort, wenn es nicht so amtlich klingen würde.

Für mich war Konrad Beikircher der Erfinder des Rheinlands.
Jürgen Becker, Kabarettist aus Köln

Ein schönes Beispiel war für mich der rheinische Kostenvoranschlag, mit dem er die Mentalität hier in der Region auf den Punkt gebracht hat. Er bestellte, frisch zugezogen, einen Handwerker, der etwas in seiner Wohnung umbauen sollte, und sagte dann das böse Wort: Kostenvoranschlag. Der Handwerker zuckte zusammen, gab aber nach und rechnete die Arbeitsstunden und die Materialkosten ganz genau zusammen. Am Ende stand keine Zahl, sondern der Satz: „Ja, wat soll dat kosten – mer kumme schon parat.“ Wir kommen schon zurecht.

Richtiges Volkskabarett: für alle verständlich, nie von oben herab

Was er machte, war richtiges Volkskabarett: für alle verständlich, nie von oben herab. Angefangen hat er mit der Bäckerei Roleber im Radio. „Sarens, Frau Walterscheidt“, kennt aus meiner Generation jeder. Das war extrem beliebt, obwohl er den Dialekt, den rheinischen Singsang erst lernen musste. Es musste aber auch gar nicht so exakt sein. Es musste die Mentalität treffen.

Und die hat er getroffen wie kein Zweiter. Dahinter stand ein gebildeter, sehr reflektierter Mann, der auch Sinn für die Hochkultur hatte. Sein Bruder Ivo Ingram Beikircher war Opernsänger und auch Konrad kannte sich bestens in der klassischen Musik aus. Er hat die rheinische Klassik erklärt: Den Bonner Komponisten Beethoven oder Schumann, die Oper, über die er einen rheinischen Opernführer geschrieben hat. Er hat in der Kölner Philharmonie fantastische Abende veranstaltet, bei denen er die klassische Musik einem breiten Publikum nähergebracht hat. Ein großer Verdienst.

Als Gefängnispsychologe kannte er auch die ungeraden Lebensläufe

Außerdem war Konrad Beikircher Psychologe, hat viele Jahre im Gefängnis in Siegburg gearbeitet. Das hat ihn geprägt. Er kannte die Lebensläufe, die nicht gerade verlaufen, die Misserfolge, die Abgründe. Diese Erkenntnisse steckten in allem, was er auf der Bühne machte: die Gewissheit, dass das Leben für viele Menschen nicht einfach ist. Ich glaube, er hat es als Auftrag verstanden, sie zu erfreuen. Und uns Rheinländern, den Freigängern mit unserem Klüngel, hat er nebenbei jahrzehntelang psychologische Rückendeckung gegeben.

Er war sehr fleißig, hat immer intensiv an neuen Programmen gearbeitet. Das war vielleicht das „Unrheinischste“ an ihm: Wir halten es hier ja eher mit: „Küste hück net, küste morje“. Dabei war er, so hat er sich selbst bezeichnet, Premiumpatient in der Uniklinik, mit einer langen Liste von Krankheiten. Er ist dem Tod ein ums andere Mal von der Schippe gesprungen. Ich dachte oft: Jetzt kann der Konrad nicht mehr. Und dann stand er wieder auf der Bühne. Ein Stehaufmännchen, bei allem, was ihm zugemutet wurde.

Vielleicht war die Arbeit sein Lebenselixier. Vielleicht hätte ihm das Aufhören im Dezember gar nicht gutgetan. Vielleicht hat es das Schicksal am Ende gut mit ihm gemeint. Ich weiß es nicht. Was ich weiß: Die Zugezogenen sind die wahren Rheinländer. Ich bin Kölner, weil ich hier zufällig zur Welt kam. Dafür habe ich nichts getan. Er hat sich für die Region entschieden, ist geblieben, in Bonn-Bad Godesberg heimisch geworden und hat sich das rheinische Naturell angeeignet – mit Neugier und Zuneigung. Konrad Beikircher war der wahre Rheinländer.

Aufgezeichnet von Johannes Mönch


Jürgen Becker wurde 1959 in Köln geboren. Er wuchs in Zollstock und Widdersdorf auf, absolvierte eine Ausbildung zum grafischen Zeichner bei 4711 in Ehrenfeld und studierte Soziale Arbeit an der Fachhochschule Köln. Er war Mitbegründer der Stunksitzung und von 1984 bis 1995 ihr erster Präsident. 28 Jahre lang moderierte er die Fernsehsendung „Mitternachtsspitzen“.